Viel mehr als Apfelsaft…

Alle Jahre wieder genießen wir das wunderbar sinnliche Erlebnis des Apfelsaftpressens. Wenn der braun-goldene Saft aus der Presse schießt, schlagen nicht nur Kinderherzen höher. Der Duft, der Geschmack, die gemeinsame Arbeit, dieser pure Luxus, mit dem uns die Natur alljährlich beschenkt, lassen wahre Schlafraffenlandgefühle in uns aufkommen. Was ist es nun, das uns so tief in unserem Inneren beglückt und berührt? Bevor wir auf die Suche nach den Saiten, die beim Saftpressen in uns angeschlagen werden, gehen, ist es notwendig, kurz zu beschreiben, wie dieses bei uns abläuft:

Im südlichen Burgenland gibt es viele Streuobstwiesen, auf denen vor allem Apfelbäume wachsen. Es gibt etliche verschiedene Sorten, angefangen bei den früh reifenden Grafensteinern, über den „Ilzer Rosenapfel“ und den „Rheinischen Bohnapfel“ bis hin zu „Boskop“ und den späten Eis- und Lederäpfeln. Obwohl wir selbst nur wenige Apfelbäume besitzen, sammeln wir alljährlich hunderte Kilos an Äpfeln, da freundliche Nachbarn uns dies anbieten und uns darum bitten. Meist sind das ältere Menschen, die selbst keine Verwendung für die Früchte haben und die es schmerzt, wenn diese ungenutzt verfaulen. Nur wenige machen sich die Mühe, das Obst zu sammeln und zur Presse zu bringen. Der heurige Preis für den Streuobstwiesen-Apfel liegt bei 2 Cent(=0,02 €!) pro Kilo. Auf Grund des Geldes lohnt sich der Aufwand tatsächlich kaum.

Wir jedoch freuen uns sehr, wenn wir das Angebot zum Ernten der Früchte bekommen und machen uns gerne die Mühe des Sammelns. Schon dieses ist verbunden mit ehrfürchtigem Staunen angesichts der Überfülle, die alljährlich geschenkt wird. Diese alten Apfelbäume werden nicht gepflegt und nur selten geschnitten, sondern wachsen ohne menschliches Zutun und uns bleibt nur, sich nach den Äpfeln zu bücken und möglichst vorsichtig in die Transportwannen zu legen.

Sobald die Früchte bei uns in der Scheune angekommen sind, entfaltet sich dieser wunderbare, frische Apfelduft. Aromatherapie wird überflüssig, es genügt, durch die Scheune zu gehen und den Duft in sich einzusaugen.

Möglichst bald kommt dann der große Tag des Pressens. Die HelferInnen sind zum „Kaláka“ geladen, zum gemeinsamen Arbeiten und anschließenden Essen und Feiern. Jede/r tut gut daran, Leergefäße zum Befüllen mitzunehmen um dann die süße Köstlichkeit mit nach Hause transportieren zu können. Bis es soweit ist, den ersten Saft zu verkosten, sind folgende Arbeitsschritte nötig:

Waschen der Äpfel  –>

Zerhäckseln mit der restaurierten Obstmühle –>

 

 

Befüllen der Presse  –>

Stampfen des Pressguts  –>

 

 

Schließen der Presse und…

„Saft Marsch!“

Wer genau hinsieht – und uns ein wenig kennt – weiß, dass alle diese Arbeitsschritte händisch ausgeführt werden. Obwohl wir durchaus mechanische Hilfe – meist in Form restaurierter traditioneller Geräte – in Anspruch nehmen, verzichten wir ganz bewusst auf Elekrizität oder gar treibstoffbetriebene Geräte. Echt „unplugged“ eben!

Unserer Ansicht nach macht gerade dieses – durchaus anstrengende – händische Arbeiten, das uns jeden einzelnen Schritt intensiv erleben lässt, die Magie des Saftpressens aus. Wo sonst noch ist der moderne Mensch unmittelbar „dran“ am Entstehungsprozess seiner Lebensgrundlage? Uns geht es beim Saftpressen ganz stark um dieses „Sich Annähern“ an das Lebendige, das uns im weitesten Sinne nährt und erhält. Dieses geradezu archaische Bedürfnis der Herstellung der Lebensmittel, das heutzutage beinahe völlig abgekoppelt vom alltäglichen Leben ist, lässt Menschen lebendig werden und das Leben intensiv spüren. Das ist zumindest der Eindruck, den wir an uns und an den Kindern und Erwachsenen, die mit uns dieses Erlebnis teilen, gewinnen.

Neben dem Pressen des Safts mit all seinen Bedeutungen und Sinneserlebnissen ist auch das „Drumherum“ Teil dieses tiefgehenden Ereignisses: Wir beteiligen uns gemeinsam an einer sinnvollen Tätigkeit, viele helfende Hände sind da und fast ergibt sich manchmal der Eindruck, dass es zu wenig Arbeit ist für all die begeisterten Menschen. Vor der Obstmühle gibt es geradezu eine Warteschlange und dies ist auch gut so, denn die Arbeit ist anstrengend und kraftraubend. So kann sich jede/r auch einmal ausruhen und im lockeren Gespräch mit den anderen Saft verkosten, Erfahrungen austauschen und entspannt dem regen Treiben zusehen.

Nicht zu vergessen natürlich das gemeinsame Essen. Während die einen an der Entstehung des Saftes beteiligt sind, kümmern sich die anderen um das leibliche Wohl aller. Suppe, Eintopf und natürlich Kaffee und (Apfel-)Kuchen lassen den Tag zu einem heute selten gewordenen Beisammensein bestehend aus Arbeit und Geselligkeit werden. Gerade dieses „Gemeinsam an etwas Sinnvollem tätig sein“ ist es unserer Ansicht nach auch, was so einen Tag unvergesslich macht.

Der Augenblick, in dem der erste Saft aus der Presse schießt, ist ein ganz besonderer. Gilt es doch nun im wahrsten Sinne des Wortes, „die Früchte der Arbeit“ zu genießen. Alle laufen herbei mit einem Glas in der Hand um den ersten Schluck der Köstlichkeit zu testen, Geschmackserlebnisse und Kennermeinungen werden ausgetauscht. Bald ist der erste 25-Liter Topf voll und wandert auf den Tischherd, wo der Saft auf 78° erhitzt wird. So pasteurisiert wird er dann in Flaschen abgefüllt und verschlossen – haltbar gemacht für lange Zeit, sodass auch noch 2 Jahre später der köstliche Saft genossen werden kann.

Bis zu 300 Liter werden an so einem Presstag verarbeitet und die letzten Gäste verlassen uns im Allgemeinen erst spät nachts, wenn auch der letzte Saft abgefüllt, die Flaschen gewaschen, die Saftkisten beschriftet sind und ein abendlicher Imbiss alle gestärkt hat.

Sie nehmen neben den gefüllten Flaschen auch ein wahrhaft „Sinn-volles“ Erlebnis mit nach Hause.

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